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Reisebericht Schottland

„Wollten wir nicht immer noch einmal nach Schottland?“ Diese Frage kam immer wieder auf seit wir vor 42 Jahren unsere Hochzeitsreise mit einem 2CV und Zelt nach Schottland gemacht haben, einem Land endloser Weite, voller Schafe, geheimnisvoller Burgen und Schlösser, schroffer Felsküsten, sandiger Buchten und meist einspuriger Straßen. Doch dieses Mal können wir den Luxus unseres „Karmann Colorado 655ti“ genießen, doch wie wird das gehen auf den engen Straßen und dann noch mit Linksverkehr?

Unsere Anreise beginnt sehr bequem mit dem Schiff von Amsterdam nach Newcastle, entspannte Atmosphäre am Abend mit Barmusik, reichhaltiges Frühstücksbuffet, Ausschiffen und los geht es. Entlang des von den Römern erbauten Hadrian-Walls fahren wir nach Westen und reisen beim alten Hochzeitsparadies Gretna Green nach Schottland ein. Eine feste Route haben wir nicht geplant, lediglich ein paar Eckpunkte, die wir in jedem Fall besuchen möchten. An Schlösser und Burgen mangelt es nicht, ebenso wenig an wunderschönen Gartenanlagen. So werden wir bei erster Gelegenheit Mitglieder im „National Trust of Scotland“, der die meisten dieser Sehenswürdigkeiten pflegt und erhält. So haben wir überall freien Eintritt.

An der teils sehr felsigen Küste überraschen immer wieder die feinen Sandstrände, die bei Ebbe riesige Ausmaße annehmen können. Eindrucksvolle Welten öffnen sich dem Betrachter bei Ebbe, nicht nur auf dem Meeresboden sondern auch in den Felswänden des Ufers, die jetzt frei liegen.

Je weiter wir nach Norden kommen, desto karger wird die Landschaft, sanfte grüne Hügel, schroffe Einschnitte hinunter zum Meer oder einem der vielen „Loch“ Zwischen zwei Meeresbuchten, den „Firth“ geht es auch mal zur Abwechslung über einen Pass, auf dessen höchstem Punkt wir beim Abendessen den herrlich weiten Blick genießen und anschließend auch übernachten. Weiter geht die Fahrt talwärts zum Lochawe mit Kilchurn Castle, dem Stammsitz der Familie Campbell., leider nur noch eine Ruine, wie viele dieser Burgen.

Das Wetter ist sehr wechselhaft, Sonne, Wind, Wolken und immer wieder mal ein kurzer Schauer. Manchmal hängen die Spitzen der Berge in den Wolken, dann jagen wieder eindrucksvolle Wolkenmassen über den Himmel und tauchen die Landschaft in ein magisches Licht. 

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Die Landschaft reizt uns sie zu Fuß zu erobern, was wir auch möglichst oft tun, über ausgedehnte Heideflächen, schier endlosen Schafweiden – Zäune gibt es nicht – urwüchsigen Wäldern und entlang wilder Bäche, die sich vor Urzeiten ihren Weg durch Fels gewaschen haben. Da schrecken uns auch die Regenschauer nicht, immer in der Hoffnung, dass alles wieder trocknet. Ein vor einigen Jahren in Irland gehörter Ausspruch eines Iren begleitet uns treu: „Nice weather between the showers“. Es schreckt uns nicht!

Von Fort William geht es direkt nach Westen entlang der Eisenbahnstrecke, die auch Harry Potter im Film auf seiner Fahrt nach Hogwarts benutzte. Dann setzen wir mit der Fähre über zur Isle of Skye. Die Plätze zum Übernachten sind sehr spartanisch, da freut man sich über den mitgeführten Komfort, besonders über den heißen Tee nach einer Wanderung. Die Westseite der Insel ist schroff mit sehr hohen steil abfallenden Felsen, hier lädt nichts zu einem erfrischenden Bad ein, dafür treibt der Atlantik seine Wellen mit großer Wucht gegen das Ufer. Ein grandioser Anblick, dafür lohnen sich auch mal Abstecher auf engen Wegen zur Küste.

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Vom westlichsten Punkt Schottlands aus setzen wir unsere Reise fort, entlang der Küste der Isle of Skye rund um die Nordspitze auf die Ostseite. Immer wieder bieten sich Möglichkeiten kleinere oder auch größere Wanderungen zu unternehmen. Überall finden sich Spuren der wechselvollen und meist sehr blutigen Geschichte Schottlands, wobei die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Clans für uns oft verwirrend sind. Ganz aktuell sind die Bestrebungen Schottlands sich wieder von England zu lösen.

Über eine moderne Brücke geht es zurück auf das schottische Festland, von der alten Fährverbindung ist nur noch die Endstation der Eisenbahn zu sehen. Ganz in der Nähe liegt das wohl am häufigsten fotografierte Schloss Schottlands, „Eileen Donan Castle“, auf einer kleinen Insel gelegen, hervorragend geeignet, um den Handelsweg übers Wasser zu kontrollieren. Dies ist sicher ein touristisches „Muss“, erkenntlich an der großen Besucherzahl, aber eindrucksvoll ist es.

Die Landschaft wird immer karger je weiter uns die Reise nach Norden führt, teils über Hochebenen, teils an der Küste entlang. Der wärmende Einfluss des Golfstroms macht sich hier sehr deutlich bemerkbar, so staunt man immer wieder über eine Vegetation an der Küste, die man in diesen Breiten nicht erwartet. Höhepunkt sind da die Gärten von Inverewe mit ihren subtropischen Pflanzen. Leider wird der Besuch etwas getrübt durch die Plage von kleinen Stechmücken, beim Eintritt wurden wir gleich scherzhaft auf den „midget alarm“ hingewiesen. So intensiv hatten wir es bisher auch noch nicht erlebt. 

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Das Straßennetz wird immer dünner und die Abstände zwischen den Orten immer größer. In dem typischen Fischereihafen Ullapool erreichen wir den nördlichsten Punkt unserer Rundreise. Die Zeit ist knapp geworden, so müssen wir uns langsam auf den Rückweg machen. Der Weg geht über die Highlands mit seinen weiten Heideflächen, Mooren und Wiesen nach Inverness, vorbei an einem der größten Schlachtfelder bei Culloden, weiter Richtung Aberdeen an der Nordsee. 

Doch auf dem Weg dorthin müssen wir noch zu einer alten Whiskey-Brennerei, die wir 42 Jahre zuvor bei einer der ersten Besucherführungen erleben durften. Viel hat sich geändert, ein großes Besucherzentrum ist entstanden und unser netter Guide ist ein Student, der hier in den Semesterferien jobbt, aber einen echten Schottenrock trägt er auch. Die hoch interessante Führung endet natürlich mit einer Verkostung, die nicht zu geizig ausfällt. Ein gutes Mittagessen und ein Eintrag im Gästebuch beschließen diesen für uns persönlich auch historischen Besuch.

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Unsere Begegnungen mit den Menschen sind sehr offen und herzlich, lediglich in den Touristenhochburgen geht es eher nüchtern und geschäftsmäßig zu. In den Gesprächen erfahren wir viel, neben Geschichte vor allem etwas über das moderne Leben, Probleme des Strukturwandels und dem Wunsch in der EU zu bleiben, sowie das schottische Pfund gegen den Euro zu tauschen, vielleicht sogar das metrische Maßsystem einzuführen. Auch dies dient dazu sich von der englischen Herrschaft abzusetzen. 

Es gibt noch so viel zu sehen und zu erkunden, doch die Zeit läuft uns davon, die Fähre für die Rückfahrt von Newcastle ist fest gebucht, da gibt es kein Zurück. So werden die letzten Etappen länger als geplant, den Besuch von Edinburgh verschieben wir auf ein „nächstes Mal“, besuchen dafür lieber noch ein weiteres Castle, die kleine Stadt Culross, einst reich geworden durch die Kohlen-Mine unter dem Firth of Forth, eine technische Meisterleistung seiner Zeit. 

Die Nähe zur Zivilisation ist deutlich zu spüren, die Bevölkerungsdichte ist wieder höher, der Verkehr wird stärker, aber auch hier gibt es noch ruhige Nebenstraßen, die zu fahren es sich lohnt. Voller großartiger Eindrücke erreichen wir Newcastle pünktlich zum Einchecken. Der Linksverkehr war schnell verinnerlicht, jetzt dürfen wir nur nicht vergessen in Amsterdam wieder rechts zu fahren. Bei strahlendem Sonnenschein laufen wir abends aus zu einer ruhigen Überfahrt, genießen den Sonnenuntergang an Oberdeck, einen netten Abend in der Borddisco und ein reichhaltiges Frühstück vor dem Einlaufen in Amsterdam. Der Rest der Rückreise geht auf dem kürzesten Weg über die Autobahn.

Dank der langen Anreise per Schiff betrug die Gesamtstrecke nur 2675 km, der längste Teil davon aber mit Linksverkehr, gewöhnungsbedürftig aber gut zu fahren mit einer aufmerksamen Beifahrerin. Viele nette Begegnungen mit freundlichen, auskunftsfreudigen und hilfsbereiten Menschen, wundervolle Wanderungen, traumhafte Panoramen, einfach eine schöne Reise.

Doris und Gerhart Tiesler

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Karte von Schottland mit eingezeichneter Reiseroute